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KI an DACH-Hochschulen — Juli 2026

Lagebericht aus der Wissensbasis · Leitbegriff des Jahres und eine Governance-Lücke

Diesen Bericht als PDF — Druckfassung, zwei Seiten A4

KI ist an deutschsprachigen Hochschulen 2026 keine Zukunftsfrage mehr. Fast alle Hochschultypen haben reagiert, viele haben Leitlinien erlassen, einige führen tiefgreifende Governance-Debatten. Die Frage lautet nicht mehr ob, sondern wie Hochschulen mit KI umgehen — und wer dabei die Maßstäbe setzt.

Drei Narrative

Intellektuelle Souveränität

Der Wissenschaftsrat hat mit seiner 113-seitigen Stellungnahme (WR Drs. 3319-26) einen Leitbegriff geprägt, der das Hochschuljahr 2026 bestimmt: Hochschulen sollen KI nicht nur nutzen, sondern kritisch-reflexiv beherrschen. Prüfungsreform, KI-Kompetenzaufbau und Infrastruktur stehen darin als strategische Trias.

Von Verbot zu Einbindung

Der Leitlinien-Check des Hochschulforums Digitalisierung von 2026 hat 30 Hochschulen ausgewertet und belegt einen Trendwechsel: Verbotspolitik weicht dem aktiven Einbinden von KI in Lehre und Prüfung. Leitlinien werden differenzierter und nutzungsbejahender — von pauschalen Einschränkungen hin zu strukturierten Nutzungsrahmen.

Die Governance-Lücke

97 Prozent der Hochschulen haben KI in Prüfungen thematisiert, aber nur 50 Prozent haben sie in der Strategieentwicklung verankert (HFD KI-Monitor 2025). Studierende werden dabei kaum eingebunden.

Empirische Befundlage

Die empirische Basis hat sich 2025/26 verdichtet. 54 Prozent der deutschen Jugendlichen nutzen KI-Anwendungen (Bildungsbericht Deutschland 2026); die CHE-Studie von 2024 mit 34.147 Befragten zeigt, dass die Nutzungslücke vor allem außerhalb der Informatik sichtbar wird. Der Monitor Lehrkräftebildung 2026 nennt einen Wert, der die nächste Vermittlungsgeneration betrifft: Nur 25 Prozent der Lehramtsstudiengänge bieten KI-Inhalte an.

Regulatorischer Rahmen

Der EU AI Act (Verordnung 2024/1689) gilt seit Februar 2025 stufenweise. Der AI Omnibus, in Kraft seit dem 27. Juli 2026, hat die Frist für Anhang III — unter den auch KI-Systeme in Prüfungen fallen — auf Dezember 2027 verschoben. Das EU AI Office ist seit August 2026 operativ und übernimmt die Aufsicht über GPAI-Modelle. Für Hochschulen bedeutet das Zeit, aber keine Entwarnung.

Länderprofil

Deutschland

Der Wissenschaftsrat setzt den Rahmen; mit WR Drs. 3319-26 liegen neun konkrete Empfehlungen zu Kompetenz, Prüfung und Infrastruktur vor. Das Hochschulforum Digitalisierung bleibt zentraler Wissensbroker mit seiner Arbeitspapierreihe (AP79 bis AP93) und dem Blickpunkt-Format. Der KI-Masterplan 2030 des Stifterverbands skizziert vier Transformationsszenarien. Die auffälligste Lücke bleibt die Lehrkräftebildung: Bislang hat ein einziges Bundesland eine landesweite KI-Vorgabe erlassen.

Österreich

Die uniko hat 2025 eine Serie von sechs thematischen Positionspapieren vorgelegt, die im DACH-Vergleich bislang ohne Pendant ist. Das HEAT-AI-Governance-Framework der FH St. Pölten ist ein institutioneller Ansatz auf Hochschulebene. Empirisch liegen Arbeiten der WU Wien (GenAI-Nutzung, RCT-Protokoll zur kognitiven Belastung), der TU Wien (Lernvereinbarungen) und der JKU Linz vor. Die u:ai-Plattform der Universität Wien ist ein Beispiel für DSGVO-konforme Campus-KI. Offen bleibt das Umsetzungsmonitoring institutioneller Policies.

Schweiz

Die ETH Zürich hat im November 2024 institutionelle KI-Richtlinien entlang der Prinzipien Verantwortung, Transparenz und Fairness veröffentlicht. Die Berner Fachhochschule pflegt laufend aktualisierte Orientierungshilfen zu Schreibwerkzeugen und KI in der Lehre als offene Bildungsressourcen. Von der Universität St. Gallen stammt die im DACH-Raum meistzitierte Empirie zur KI-Literalität (über 500 Befragte, Längsschnitt Erstsemester). Konzeptionell wegweisend ist das „epistemische Outsourcing“ (Winder, HSG 2026): Der Begriff benennt, was auf dem Spiel steht, wenn Denkarbeit an KI delegiert wird. Das Positionspapier von swissuniversities aus 2024 bildet den nationalen Governance-Rahmen.

EU und übergreifend

Der regulatorische Druck kommt aus Brüssel; AI Act und AI Omnibus bilden das Gerüst, die Hochrisiko-Frist 2027 ist für Prüfungssysteme entscheidend. International bleibt der Quick Start Guide der UNESCO IESALC von 2023 der meistzitierte Referenztext im DACH-Raum. Das DAAD Fachzentrum Responsible AI verknüpft internationale Hochschulpartnerschaft mit KI-Governance.

Gemeinsame Muster

Über alle drei Länder hinweg zeigt sich dasselbe Grundmuster: KI-Nutzung wächst schneller als die Unterstützungsstrukturen, und Studierende sind weiter als die institutionellen Angebote. Wissenschaftsrat, HFD, uniko und swissuniversities sind sich einig, dass die Prüfungskultur den dringendsten Reformbedarf trägt — weil Prüfungen der institutionelle Knoten sind, an dem Governance, akademische Integrität und KI-Kompetenz gleichzeitig verhandelt werden.

Die nächste Welle zeichnet sich ab, bevor die aktuelle verarbeitet ist: Agentische Systeme, Meeting-Agenten und KI-gestützte Forschungswerkzeuge verändern die Hochschularbeit schneller, als Policy-Prozesse folgen können.

Beitrag aus dem KIWIT-Teilprojekt NBS. Beschriebene Arbeit: Prof. Dr. Ulrich Hoffmann.